A- A A+

Laudatio auf Wilhelm (Willi) Dittgen von Artur Benninghoff

Aus Anlass der Überreichung des Dinslakener Pfennigs an Herrn Wilhelm Dittgen am 7.11.1996

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Als Vorsitzender des Vereins für Heimatpflege „Land Dinslaken“ darf ich Sie in dieser schon etwas festlich gestimmten Runde alle sehr herzlich begrüßen. Gestatten Sie mir, dass ich heute nur einen individuell begrüße, nämlich Wilhelm Dittgen, zusammen mit seiner Frau Gertrud. Es dreht sich heute um Sie, lieber Herr Dittgen, und um den Dinslakener Pfennig, den unser Verein Ihnen überreichen möchte.

Bevor ich aus diesem Anlass etwas ausführlicher auf die Persönlichkeit von Wilhelm Dittgen und seine für Dinslaken und die Region einzigartigen Verdienste eingehe, einige Worte zum Dinslakener Pfennig:

Unser Verein hat im Jahre 1990 beschlossen, den Dinslakener Pfennig als Auszeichnung zu verleihen für besondere Verdienste um die Heimatpflege. Dabei sollten sehr strenge Maßstäbe angelegt werden. Dementsprechend wurde diese Auszeichnung inzwischen auch nur zweimal verliehen: 1990 an Elmar Sierp, 1991 an Kurt Altena. Ich freue mich, dass beide bisher Ausgezeichneten heute unter uns sind.

Der Dinslakener Pfennig erinnert an eine für Dinslaken und das frühere Land Dinslaken große Zeit. Er war die Münze, die etwa 30 Jahre lang, so ungefähr von 1370 bis 1400, aufgrund eines Privilegs des damaligen Landesherren, Graf Dietrich von der Mark, in Dinslaken geprägt wurde.

Dies hat es vorher und nachher nie wieder in Dinslaken gegeben, natürlich abgesehen von in späteren Inflationszeiten gedrucktem Papiergeld. Münzstätte zu sein, war ehrenvoll und unterstrich die Bedeutung einer Stadt.

Die ursprüngliche Münze und unser „Orden“ als vergrößerte Nachbildung davon, trägt auf der einen Seite das Bild des Landesherren Graf Dietrich, auf der anderen Seite das Dinslakener Torburg-Wappen, dem heutigen Dinslakener Stadtwappen schon recht ähnlich.

In Kürze wird der abschließende Beweis dafür geliefert, dass der Dinslakener Pfennig nicht der Phantasie einiger Lokalpatrioten entsprungen ist. Manche mögen das vielleicht noch meinen. Einige von Ihnen wissen es schon, am 25. November wird eine fundierte wissenschaftliche Arbeit als 23. Band der von unserem Verein herausgegebenen Dinslakener Beiträge erscheinen.

Die Dinslakener Münzen sind Gegenstand dieser Arbeit. Danach kann kein Zweifel mehr bestehen, Dinslaken war Münzstadt. Soweit zum Dinslakener Pfennig.

Meine Damen und Herren,

ich bin fest davon überzeugt, lieber Herr Dittgen, alle Anwesenden und die weite Öffentlichkeit sind mit mir einer Meinung darin, es gibt für den Dinslakener Pfennig zur Zeit keinen Würdigeren als Sie.

Trotzdem muss ich, wenn ich mich nunmehr Ihrem Lebenslauf zuwende, mit einer kleinen Enttäuschung beginnen: Wilhelm Dittgen ist gar kein geborener Dinslakener. Seine Wiege stand 1912 in Düsseldorf. Aber schon 1917 kam er mit seinen Eltern nach Dinslaken. In Hiesfeld (!) besuchte er die Volksschule und machte 1932 am damals noch einzigen Dinslakener Gymnasium Abitur.

Sein Deutschlehrer riet ihm, Journalist zu werden. Dieser Deutschlehrer war Dr. Josef Zorn, eine Name, der für Dinslaken und Wilhelm Dittgen später noch eine große Rolle spielen sollte.

In den folgenden Jahren, also der Zeit des Nationalsozialismus, waren die Verhältnisse für einen jungen Journalisten, der mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben wollte, natürlich sehr schwierig. Dittgens erste Tätigkeit in einer Duisburger Redaktion endete damit, dass SA-Leute die Redaktion besetzten und die Journalisten hinausschmissen.

Bald nach Kriegsbeginn wurde Wilhelm Dittgen Soldat. Die Soldatenuniform war die erste, die er trug. Artillerie wurde seine Waffengattung. Die meisten Kriegsjahre war er an der russischen Front eingesetzt, vor Moskau und im Kaukasus.

Das Kriegsende erlebte er im Siegerland, wo er in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. In einem Sonderlager für jugendliche deutsche Kriegsgefangenen wurde er von den Amerikanern zum Lehrer für Deutsch und Englisch bestimmt. Schon im Herbst 1945 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen. Wilhelm Dittgen fand wieder den Weg in das nunmehr zerstörte Dinslaken.

Bestimmend für seine weitere Entwicklung wurde dann die Wiederbegegnung mit seinem alten Deutschlehrer, dem schon erwähnten Dr. Josef Zorn. Dr. Zorn, in der Weimarer Zeit Reichstagsabgeordneter des Zentrums, war nach Kriegsende von den Besatzungsmächten als erster Bürgermeister und Landrat eingesetzt worden.

Dr. Zorn sah in seinem früheren Schüler Dittgen den geeigneten Mann, in Stadt und Kreis Dinslaken ein neues Kulturleben aus den Trümmern des Krieges entstehen zu lassen. Wilhelm Dittgen enttäuschte seinen alten Lehrer wahrlich nicht.

Schon 1946 gab es in Dinslaken wieder Theateraufführungen und Sinfoniekonzerte. Dichterlesungen und wissenschaftliche Vorträge von bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit gab es in dichter Folge. Auch das Burgtheater wurde schnell wieder belebt. Ich glaube, manche der Anwesenden haben hieran noch eigene persönliche Erinnerungen.

Hinter all diesem – ich erwähne auch noch den Aufbau der Volkshochschule – stand Wilhelm Dittgen. Er war 1946 in die Dienste des damaligen Kreises Dinslaken getreten und wurde gleichsam dessen „Kultusminister“. Fast 30 Jahre hindurch blieb er es bis zur kommunalen Neuordnung 1975. Diese Kontinuität ist der Kreis - Dinslakener Kultur gut bekommen. Sie vollzog sich, wenn ich es recht sehe, unter den jeweiligen Oberkreisdirektoren in einer von politischen Einwirkungen weitgehend freien Atmosphäre.

Es kann nicht meine Aufgabe als Vorsitzender des Land Dinslaken Vereins sein, die Verdienste von Wilhelm Dittgen in öffentlichen Ämtern zu würdigen. Dies hätte zum Beispiel Herr Dr. Griese, der hier sein wollte, aber gestern leider noch absagen musste, viel besser machen können. Ich möchte nur noch, gleichsam als Stimme der Bürgerschaft, herausstellen, dass unser Freund Dittgen seine Aufgaben nie in engen verwaltungsmäßigen Grenzen sah. So wurde er für vieles Anreger und Gründungsvater.

Beispielhaft erwähne ich die von ihm 1949 zusammen mit Herbert Kirchhefer ermöglichte Gründung des Madrigalchores, sowie das bald danach von ihm zusammen mit Wilhelm Müller ins Leben gerufene Dinslakener Kammerorchester. Beide Einrichtungen sind bis heute wichtige Stützen des Dinslakener Kulturlebens.

Was die Verdienste von Wilhelm Dittgen um unseren 1911 gegründeten und 1946 wiederbelebten Verein angeht, so ließe sich damit ein Buch füllen.

Seit 1946 war er als Geschäftsführer fast 50 Jahre hindurch der eigentliche Motor des Vereins. Sein Ideenreichtum ließ immer neue Aktivitäten zur Entfaltung kommen. Er wurde gleichsam unser kulturelles Gewissen. Wie kein Zweiter war und ist er mit der Kunst und de Geschichte unseres Gebietes vertraut.

Seit ich 1972 den Vereinsvorsitz übernahm, verbindet mich mit Wilhelm Dittgen eine überaus enge und jederzeit vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ich gestehe gerne, dass ich ohne Herrn Dittgen als in jeder Beziehung ehrenamtlichen Geschäftsführer den Vereinsvorsitz neben meinen anderen Aufgaben kaum hätte wahrnehmen können. Deshalb heute auch mein ganz persönlicher Dank an Sie, lieber Herr Dittgen.

Es war für unseren Verein ein ausgesprochener Glücksfall, dass bei Wilhelm Dittgen Beruf und Hobby praktisch immer identisch waren. Als er 1978 in Pension ging, änderte das seinen Arbeitsrhytmus und seine Themen kaum. Sein Engagement für unseren Verein verstärkte sich noch erheblich. Unangefochten blieb er die erste Adresse für heimatkundliche Fragen.

Wenn man Wilhelm Dittgen in seiner Gesamtpersönlichkeit einigermaßen erfassen will, muss sein Wirken als Buchautor einen breiten Raum einnehmen. Die Liste seiner Buchveröffentlichungen umfasst 13 Titel.

Sie datieren aus den Jahren von 1948 bis in die aktuelle Gegenwart hinein. Wir alle hoffen, lieber Herr Dittgen, noch manches weitere aus Ihrer Feder lesen zu können. Sie besitzen die nicht oft anzutreffende Fähigkeit, einerseits fundiert und gleichzeitig plastisch-verständlich Ihre Gedanken formulieren zu können. So wurden Sie zum Autor für eine breite Lesergemeinde. Wie kein anderer haben Sie die Kultur und die ‚Geschichte unserer Region vermittelt. Dadurch wirkten Sie nach außen werbend für Dinslaken und Umgebung, nach innen trugen Sie viel bei zur Identifikation des Bürgers mit seinem Gemeinwesen.

Zur literarischen Lebensleistung von Herrn Dittgen gehört aber nicht nur das, was unter seinem eigenen Namen erschienen ist. Für vieles darüber hinaus war er Anreger und Geburtshelfer. Wenn ich in diesem Zusammenhang die Buchreihe „Dinslakener Beiträge zur Geschichte und Volkskunde“ erwähne, soll stelle ich damit eine Hauptaktivität unseres Vereins heraus. Gerade diese jetzt in 23 Bänden vorliegende und zu Anfang von Herrn Professor Stampfuß betreute Buchreihe wäre ohne Wilhelm Dittgen nicht vorstellbar. Vier wichtige Titel dieser Reihe stammen aus seiner eigenen Feder:

Anno Tobak (1973) Zwischen den Kriegen (1977) Der Übergang (1983) 550 Jahre Pfarrgemeinde St. Vincentius (1986) Bei den meisten anderen Titeln waren sein Rat und seine Hilfe wichtige Voraussetzung. Anwesende Autorinnen und Autoren werden mir zustimmen.

Einen besonderen heimatgeschichtlichen Wert stellen auch die 30 von Wilhelm Dittgen redigierten Jahrgänge des alten Kreis-Heimatkalenders dar. Wer später einmal die Geschichte des früheren Kreis Dinslakens und seiner Gemeinden erarbeiten will, hat in den Heimatkalendern hervorragendes Quellenmaterial.

Meine Damen und Herren!

Wir sind nicht die ersten, die Wilhelm Dittgens herausragenden Verdienste würdigen. Sein Ruhm geht schon seit langem weit über Dinslaken hinaus:

Ihnen gemeinsam wünschen wir noch recht viele erfüllte und gesunde Jahre.

Uns wünschen wir bei unserer weiteren Vereinsarbeit noch möglichst lange den belebenden Geist von Wilhelm Dittgen.

Ich danke Ihnen.